Unser Modell des Wissenstransfer

… denn wir können auch wissenschaftlich!

Lange konnten wir auf die Frage, was denn nun unter ‚Wissenstransfer’ genau zu verstehen ist, keine all zu befriedigende Antwort geben. Angefangen hatten wir mit dem eher holzschnittartigen Transferverständnis einer Black-Box namens Teilnehmer(in). In diese Box, meinten wir, wird auf der SocialBer ein irgendwie gearteter Input eingepflanzt und in die jeweilige Organisation getragen. Die ganze Sache nannten wir dann zwar ‚Wissenstransfer’, merkten aber schon bald, dass es so einfach doch nicht ist. Der reine Input hat noch nicht all zu viel mit Wissen zu tun und der bloße Transport von Informationen noch nichts mit Transfer. So ist es eben mit der Wissenschaft: Sie ist nicht so einfach! Nun haben Katrin und ich (Katrin noch viel mehr als ich) uns diesem Thema angenommen und wollen euch unsere Überlegungen natürlich auch nicht vorenthalten. Ob wir euch damit nun aber eine befriedigerende – vielleicht sogar erhellendere – Antwort auf die Frage nach dem Wissenstransfer liefern können? Mal sehen…

Was ist Wissenstransfer?

Wissenstransfer ist ein Thema, das bereits seit mehreren Jahrzehnten in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen mit unterschiedlichen Schwerpunkten bearbeitet wird (vgl. Jacobson 2007: 116 ff.). Entsprechend vielfältig sind die Sichtweisen und Versuche einer Definition, wobei sich Wissenstransfer als Begriff im wissenschaftlichen Diskurs um Austausch- und Generierungsprozesse von Wissen etabliert hat (vgl. Wilkesmann 2009: 89).

In der jüngeren Diskussion hat sich sogar eine eigenständige Forschungsdisziplin herausgebildet, die sich dem Gebiet angenommen hat. So genannte Transferwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler interessiert sich für die „Bedingungen, die medialen Wege sowie Prinzipien und Probleme der Wissensproduktion und -rezeption unter dem Gesichtspunkt ihrer strukturellen und sozialen Vernetzung, ihrer Relevanz (…) und den Chancen ihres globalen sowie gruppen- und zielspezifischen Transfers“ (Antos 2001: 16). Dabei werden unter den Begriff Wissenstransfer ganz verschiedene Transferprozesse subsummiert:

Der Transfer von Wissen kann z.B. sehr unterschiedliche Inhaltsbereiche betreffen, die Personengruppen und die Ziele können differieren, und der Transferprozeß kann auf verschiedenen Abstraktionsebenen erfolgen, was verschiedenartige Kommunikationsformen erforderlich macht. (Jahr 2004: 33)

Erste Überlegungen im Rahmen des Forschungsprojekts

Für unser Projekt hatten wir ursprünglich die Idee, den Wissenstransfer aus der SocialBar als eine Art Eingabe-Verarbeitung-Ausgabe-Modell zu beschreiben. Das heißt, aus dieser Perspektive sind die auf der SocialBar in Vorträgen, formellen und informellen Diskussionen dargebotenen Informationen ein Input. Durch die individuelle Verknüpfung mit organisationalen und persönlichen Kontexten führt dieser zu einer Generierung von neuem Wissen bei den Teilnehmenden. Der Transfer in die Organisation würde dann erfolgen, wenn dieses neugewonnene Wissen bspw. durch die Besprechung der Inhalte in einem Teammeeting in die Organisationen hineingetragen wird und dadurch Diskussionen usw. hervorruft, die ihrerseits mittel- bis langfristig zu Veränderungen in der Organisation (z.B. durch die Einführung neuer Tools) führen könnten.  Dieses Modell entspricht im Wesentlichen kognitivistischen Vorstellungen vom Transfer von Wissen, das wie ein Paket von A nach B transportiert werden kann (vgl. Wilkesmann 2009: 87 f.).

Zwar wäre dieses Modell relativ einfach zu operationalisieren und damit für ein studentisches Forschungsprojekt aus rein pragmatischen Gründen gut geeignet, jedoch bringt es auch Schwierigkeiten mit sich. Wissenstransfer wird hier nämlich als Einbahnstraße beschrieben, als Transfer „von einer Ursprungssituation, -gruppe oder -person auf eine neue Situation, Organisation, Gruppe oder Person“ (ebd.: 88). Der Transfer verläuft nur in eine Richtung – von einem Wissensgeber zu einem Wissensnehmer – von einem Experten zu einem Laien. Diese Beschränkung des Transfers auf einen linearen Prozess wird dem Format der SocialBar jedoch nicht gerecht. Diese zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass wechselseitige Austauschprozesse angeregt werden und diese Prozesse des Wissensaustausches auf Augenhöhe stattfinden und nicht in der Art einer Experten-Laien-Kommunikation, wie es vielleicht bei herkömmlichen Bildungsformaten zu beobachten ist. Bei der SocialBar wird versucht eben dieses Verhältnis aufzulösen, was sich auch darin zeigt, dass Vortragende die SocialBar häufig nutzen, um qualifiziertes Feedback zu ihren bisherigen Ideen und deren Umsetzung zu bekommen.

Einen sinnvolleren Zugang können uns somit nur Modelle bieten, die den Transfer von Wissen als einen wechselseitigen Prozess beschreiben und auch die aktive Rolle der Individuen betonen. Bevor wir jedoch im Einzelnen klären können, was der Begriff Wissenstransfer für uns im Rahmen unseres Forschungsprojektes bedeutet, müssen wir zunächst Überlegungen zum Wissensbegriff anstellen und so unser Verständnis von Wissen entwickeln. Denn dieses ist zentral für die Operationalisierung des Transfers und damit auch für unsere empirische Arbeit.

Grundsätzliche Überlegungen zum Begriff ‚Wissen‘

Die Auseinandersetzung mit dem Wissensbegriff hat eine weit zurück reichende Tradition. Über die Zeit haben sich zahlreiche (konkurrierende) Definitionen mit unterschiedlichen Reichweiten und Schwerpunkten je nach Denkschule herausgebildet[1]. Eine sehr weit gefasste Definition findet sich z.B. bei Probst et al. (1997), die Wissen als die „Gesamtheit der Kenntnisse und Fähigkeiten, die Individuen zur Lösung von Problemen einsetzen“ (ebd.: 44) verstehen.

Darüber hinaus wurde immer wieder der Versuch unternommen, das Phänomen durch die Unterscheidung verschiedener Wissensformen besser fassen zu können. Häufig getroffene Unterscheidungen sind die zwischen implizitem und explizitem Wissen sowie zwischen individuellem und kollektivem Wissen (siehe u.a. Nonaka/Takeuchi 1997). Nonaka und Takeuchi (1997) haben die Unterscheidung zwischen explizitem und implizitem Wissen in Anlehnung an Überlegungen zu implizitem Wissen des Philosophen Michael Polanyi (1985) getroffen und im Rahmen ihrer Wissensspirale eine viel kritisierte Umwandelbarkeit beider Wissensarten propagiert[2]. Die beiden Wissensformen können dabei nach Willke (2004) wie folgt beschrieben werden:

Implizites Wissen ist ein Wissen, das eine Person aufgrund ihrer Erfahrung, ihrer Geschichte, ihrer Praxis und ihres Lernens im Sinne von Know-how hat. Erstaunlicherweise muss die Person nicht unbedingt wissen, dass sie dieses Wissen hat, und sie muss auch nicht erklären können, wie sie kann, was sie kann. (…) Explizites Wissen dagegen ist ein ausgesprochenes, formuliertes, dokumentiertes und in diesem Sinne explizites Wissen, ein Wissen also, von dem der Wissende weiß und über das er sprechen kann. (ebd.: 35)

Im Rahmen unseres Projektes ist diese Unterscheidung insofern relevant, als dass wir davon ausgehen müssen, dass die Befragten, sich nicht zwingend darüber bewusst sind, was sie aus der SocialBar für sich und ihre Organisation mitgenommen haben. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Austauschprozesse auf der SocialBar neben der Vermittlung von konkreten Inhalten auch zu einer Generierung von Wissensbestandteilen führen, die sich einer direkten Nachfrage entziehen und wenn überhaupt nur indirekt aus den Schilderungen der Befragten ableitbar sind.

In Rückgriff auf Lyotard (1984) wird auch zwischen wissenschaftlichem und narrativem Wissen unterschieden. Narratives Wissen wird zum Teil auch als traditionelles Wissen oder Erfahrungswissen bezeichnet. So beschreibt Fahrenwald (2005) die Unterschiede zwischen wissenschaftlichem Wissen und Erfahrungswissen, in dem sie darauf hinweist, dass wissenschaftliches Wissen dem Anspruch an Objektivität und Wahrheit verpflichtet ist, während die Vorzüge des Wissens, welches aus Erfahrungen gewonnen wird, insbesondere in seinen subjektiven Anteilen liegen. Auf der einen Seite steht wissenschaftliches Wissen als Repräsentation (der Wirklichkeit), auf der anderen Erfahrungswissen als Konstruktion (vgl. ebd.: 43 f.). Dieses individuelle (Erfahrungs-)Wissen muss also nicht verifiziert oder falsifiziert werden, es kommt darauf an, es zu formulieren und damit durch das Erzählen für andere zugänglich zu machen. Da die SocialBar kein klassischer Vortragsabend ist, in dem Fakten präsentiert werden, sondern ein Ort für Gedankenaustausch in kreativer Atmosphäre, in dem die Aktivität der Teilnehmenden und das Netzwerken eine große Rolle spielen, können wir unsere Untersuchungen nicht auf Formen des wissenschaftlich-objektivierten Wissens beschränken. Es ist vielmehr zu vermuten, dass Wissen auf der SocialBar vor allem in narrativer Form weitergegeben wird und auch wieder in narratives Wissen übergeht. Entsprechend war unsere  Forschungsmethodik zur Erfassung des Wissenstransfers und zur Gewinnung eines tiefergehenden Verständnisses für Transferprozesse  im Rahmen der SocialBar narrativ auszurichten.

Neben den genannten klassifikatorischen Unterscheidungen des Wissens an sich, scheint es sinnvoll – und besteht im Diskurs weitreichende Einigkeit – einen Schritt zurückzutreten und Wissen erst einmal von Daten und Informationen abzugrenzen:

Ganz allgemein bedeutet das: Daten sind nicht personenbezogene (potentiell wissbare) Einheiten, die – als Information(en) aufbereitet – in ein individuelles ‚Wissen‘ überführt werden können. Anders ausgedrückt sind Informationen spezifische und zielgerichtete, also z.B. personen(gruppen)-, medien-, fach- oder themenbezogen (um)strukturierte oder aufbereitete Daten. Wissen ist individuell ‚verarbeitete‘ Information, also Voraussetzung und Grundlage (personenbezogener) Erkenntnis (…). (Ballod 2004: 107)

Wilkesmann (2009) versteht Daten als den Rohstoff von Wissen, der zu Information wird, wenn er eine bestimmte Relevanz für das erkennende Subjekt besitzt. Informationen können aus dieser Perspektive auch als interpretierte Daten verstanden werden, die dann in das individuelle Wissen übergehen, wenn sie in einen „zweiten Kontext von Relevanz eingebunden“ (ebd.: 84) und dabei in bereits vorhandene Wissensbestände integriert werden. Damit ist Wissen nicht nur ein Ergebnis, sondern vor allem ein Prozess, nämlich der Integration von Informationen in Vorwissen. (vgl. ebd.: 83 ff.)

Hier zeigt sich schon eine stark individuelle Komponente des Wissens, der wir auch im Rahmen unseres Forschungsprojektes Rechnung tragen müssen. Antos (2005) verweist in diesem Zusammenhang auf den von Alfred Schütz in die wissenssoziologische Debatte eingeführten Wissensbegriff:

Er ist weder auf explizites (begriffliches) Wissen (…) beschränkt, noch an dem für die ‚Wissenschaftlichkeit‘ zentralen Kriterium der Wahrheit orientiert. Wissen ist nach dieser Auffassung der individuelle Wissensvorrat des Einzelnen und nicht vom ‚Wissensträger‘ zu trennen. Dessen Wissendvorrat umfasst neben expliziten, klaren und gut formulierten Einsichten (…) auch weniger klare Meinungen, Annahmen usw. Wissen ist nicht nur Fachwissen sondern auch Alltagswissen (…). (ebd.: 349)

Noch einen Schritt weiter gehen konstruktivistische Ansätze, die nicht nur darauf verweisen, dass Wissen aufgrund der aktiven Interpretation subjektbezogen ist, sondern dass dieses auch erst vom Individuum konstruiert werden muss (vgl. Wilkesmann 2009: 81). Diese Konstruktionsleistung erfolgt auf der Grundlage von Fakten und Vorwissen, aber auch durch die Einordnung und Beurteilung von Informationen vor dem Hintergrund persönlicher Vorstellungen von der Welt. Aus dieser Sicht kann Wissen keine objektive Größe sein. (vgl. Ballod 2004: 107 f.)

Dennoch hat Wissen auch eine soziale Komponente, die nicht vernachlässigt werden sollte:

Wissen ist [zwar] stets Wissen von jemandem. Es wird [jedoch] durch gesellschaftliche Gruppen, beispielsweise Berufe, die sich über bestimmte Wissensarten definieren, tradiert und fortgesetzt, und es begründet für den Einzelnen wie die Gruppe gesellschaftliche Kompetenz und Chancen. Wissen kann deshalb nicht mehr als Repräsentation von Sachverhalten in Aussagen verstanden werden, sondern ist vielmehr eine Form der Partizipation von Personen an diesen Sachverhalten. Etwas wissen heißt so viel, wie einen Zugang zu diesem Etwas zu haben, sich in ihm orientieren zu können, mit ihm umgehen zu können und gegebenenfalls darüber Aussagen machen zu können. (Böhme 1999: 1)

Folgen für die Konzeption des Konstrukts ‚Wissenstransfer‘ im Rahmen des Forschungsprojektes

Unter Rückgriff auf diese grundsätzlichen Überlegungen zum Wissensbegriff wollen wir Wissen im Rahmen unseres Projekts also als konstruierte, subjektbezogene Größe betrachten, die verschiedene Formen annehmen kann und Partizipationsmöglichkeiten schafft. Diese Vorstellung hat entscheidende Auswirkungen auf unser Verständnis von Wissenstransferprozessen.

Denn, wenn Wissen die aktive Konstruktion durch Individuen voraussetzt, so kann es zum einen nicht eins zu eins übertragen werden und zum anderen gibt die sichtbare Weitergabe von Daten bzw. Informationen, im Rahmen der SocialBar z.B. durch kurze Präsentationen, noch keine Auskunft über Transferprozesse. Der Transfer kann grundsätzlich nur aus der Sicht der Teilnehmenden untersucht werden, denn nur diese können entscheiden, was sie gelernt und was sie wiederum innerhalb ihrer Organisation in welcher Form auch immer weitergegeben bzw. in ihre Arbeit eingebracht haben. In Anbetracht der obigen Unterscheidung zwischen implizitem und explizitem Wissen, muss hier allerdings davon ausgegangen werden, dass diese Transferprozesse von den Teilnehmenden nicht immer verbalisiert werden können. Aus eben diesem Grund entschieden wir uns auch für  fokussierte Interviews mit narrativen Anteilen, denn die Geschichten der Teilnehmenden bieten uns die Chance Zusammenhänge zu erahnen, die sich einer direkten Nachfrage entziehen. Der Transfer von der SocialBar in die Organisationen und umgekehrt, kann folglich nur über die Teilnehmenden erfolgen. Wilkesmann (2009) weist in diesem Zusammenhang auf Folgendes hin:

Einerseits geht es beim Wissenstransfer um den Prozess der Weitergabe von Wissen, andererseits muss der Prozess des Wissenserwerbs ebenfalls mitberücksichtigt werden. Denn gerade im Arbeitskontext gilt, dass Wissensnehmer durchaus auch potentielle Wissensgeber sind. Allerdings muss neues Wissen jeweils individuell in bestehendes Wissen integriert werden, damit es zukünftig handlungsrelevant werden kann. (…) Wissenstransfer hat seinen Ausgangspunkt – auch wenn er als (…) interorganisationaler Wissenstransfer stattfinden soll – stets auf der individuellen Handlungsebene. (Wilkesmann 2009: 120)

Hier wird deutlich, was bereits an anderer Stelle angedeutet wurde, nämlich, dass der Wissenstransfer – insbesondere im Kontext der SocialBar – nicht als linearer Prozess mit Anfangs- und Endpunkt beschrieben werden sollte, sondern vielmehr als wechselseitiger und tendenziell egalitärer Prozess zu verstehen ist. Im Rahmen unseres Forschungsprojektes gibt es verschiedene Akteure, die an Transferprozessen wechselseitig beteiligt sind. Es sind nicht nur die Teilnehmenden auf der SocialBar (zu denen ja ebenso die Referierenden zählen), sondern auch die Personen, an die innerhalb der Organisationen neu gewonnene Kenntnisse weitergetragen werden bzw. die in ihrer Arbeit indirekt durch das neue Wissen der Kollegin oder des Kollegen beeinflusst werden und die wiederum darauf reagieren.

Eine Konzeption, die sowohl dieser Wechselseitigkeit des Wissenstransfers Rechnung trägt, als auch die soziale Komponente von Wissen einbezieht, ist die des diskursiven Wissenstransfers:

Wissenstransfer findet in den verschiedensten Bereichen statt. Mit dem Konzept des diskursiven Wissenstransfers soll auf die Tatsache verwiesen werden, dass er – wenn überhaupt – nur in den seltensten Fällen als eine Art ‚Einbahnstraße‘ aufzufassen ist. (Stenschke 2004: 45)

Dabei ist der Diskurs als „Fluß von ‚Wissen‘“ (ebd.) zu begreifen, wobei jedoch die jeweiligen Interpretations- und Konstruktionsleistungen der Individuen nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Der Diskurscharakter zeigt sich in der SocialBar u.a. daran, dass den Diskussionen der Inputs das gleiche Zeitfenster eingeräumt wird, wie den Referaten selber. Auch die Möglichkeiten zum Austausch während der Pausen und im Anschluss an die Vorträge stützen diesen Charakter. Die SocialBar kann in diesem Zusammenhang also als ein Diskursraum beschrieben werden, der „über viele Ecken [verfügt], in denen unterschiedliche Informationen zu finden sind, die nicht von allen Diskursteilnehmern in gleicher Weise wahrgenommen werden“ (ebd.). Durch dieses zentrale Kennzeichen von Diskursräumen bilden sich Teilöffentlichkeiten, in denen jeweils verschiedene Diskurse stattfinden können. Spannend wird es hier sein, zu untersuchen, welchen verschiedenen Teilöffentlichkeiten unsere Befragten angehören und an welchen Diskursen sie wie partizipieren.  Gleichzeitig ist aber nicht nur die SocialBar als Diskursraum zu verstehen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass innerhalb der Organisationen, in denen die Befragten arbeiten, auch entsprechende Räume vorhanden sind, in denen das neu gewonnene Wissen verhandelt wird. Interessant ist somit auch wie Informationen in den Organisationen verbreitet werden, an wen sie weitergegeben und wie sie diskutiert werden.

Dennoch würde eine Beschränkung des Wissenstransfers aus der SocialBar auf diskursiven Wissenstransfer die Forschungsperspektive zu sehr verengen. Der Grad der Diskursivität des Wissenstransfers hängt unserer Meinung nach im Wesentlichen von der Art der Teilnahme und der Art der Integration des neuen Wissens in die Organisation sowie von den organisationalen Strukturen ab. Auch wenn das Format der SocialBar eine aktive Teilnahme und einen gegenseitigen Austausch befördert, ist eine zurückhaltende Teilnahme möglich. So kann ein passiver Teilnehmer bspw. durch die individuelle Auseinandersetzung mit der Sache genauso in Wissenstransferprozesse involviert sein, wie ein aktiver. Der Unterschied findet sich lediglich in der Form der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Inhalten. Ebenso kann die Integration der aus der SocialBar gewonnenen Erkenntnisse in der Organisation auf sehr verschiedene Weise und mehr oder weniger diskursiv erfolgen. Eine offene Diskussion neuer Ideen aufgrund der Impulse von der SocialBar ist dabei genauso denkbar wie eine „leise“ Veränderung der Handlungsroutinen oder des Verständnisses über bestimmte Prozesse auf Seiten des einzelnen Mitarbeiters.

Zusammenfassung

Auf der Grundlage eines eher konstruktivistischen Wissensverständnisses wollen wir den Wissenstransfer aus der SocialBar als einen wechselseitigen und egalitären Prozess verstehen, bei dem Wissensnehmer immer auch zugleich Wissensgeber sein können und umgekehrt. Dieses Verständnis trägt nicht nur der aktuellen Diskussion um den Wissenstransfer, sondern auch der SocialBar als partizipatives Format der Netzwerkveranstaltung Rechnung. Im Zentrum dieses Prozesses stehen handelnde Individuen – nur durch sie ist ein Transfer von Wissen aus dem Format der SocialBar in einzelne Organisationen möglich. Das neu entstehende Wissen beim Wissensnehmer ist jedoch nicht mit dem des Wissensgebers gleichzusetzen, da Wissen keine objektive Größe ist und nicht unabhängig vom Subjekt existiert. Vielmehr konstruieren die Teilnehmenden ihr Wissen als erkennende Subjekte auf der Grundlage von Daten und Informationen, die sie bspw. im Rahmen von Vorträgen auf der SocialBar aufnehmen und vor dem Hintergrund ihres vorhandenen Wissens einordnen und bewerten. Wissen kann generell sowohl explizit als auch implizit vorliegen und damit mehr oder weniger gut zugänglich sein. Da das Individuum als Ausgangspunkt von Transferprozessen zu sehen ist, können diese zunächst auch nur aus dessen Perspektive betrachtet und bewertet werden. Nur die Teilnehmenden können Auskunft darüber geben, was sie im Rahmen der SocialBar gelernt haben und wie sie dies in ihren organisationalen Alltag einfließen lassen. Transferprozesse können generell sowohl im Rahmen der SocialBar als auch anschließend in der Organisation stattfinden. Diese Prozesse werden entweder durch eine gemeinsame (diskursive) Auseinandersetzung oder aber in der „stillen“ Beschäftigung mit bestimmten Themen angeregt.

Literatur:

Antos, Gerd (2001): Transferwissenschaft. Chancen und Barrieren des Zugangs zu Wissen in Zeiten der Informationsflut und der Wissensexplosion. In: Wichter, Sigurd; Antos, Gerd (Hrsg.): Wissenstransfer zwischen Experten und Laien. Umriss einer Transferwissenschaft. Frankfurt am Main u.a. : Peter Lang.

Antos, Gerd (2005): Die Rolle der Kommunikation bei der Konzeptualisierung von Wissensbegriffen. In: Antos, Gerd/ Wichter, Sigrud (Hrsg.): Wissenstransfer durch Sprache als gesellschaftliches Problem. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang, S. 339-364.

Ballod, Matthias (2004): Transfer oder Transformation? ‚Wissen‘ aus informationsdidaktischer Sicht. . In: Wichter, Sigurd; Stenschke, Oliver (Hrsg.): Theorie, Steuerung und Medien des Wissenstransfers. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang, S. 103-113.

Böhme, Gernot (1999): Bildung als Widerstand. Was sollen die Schulen und Hochschulen lehren? Ein Versuch über die Zukunft des Wissens. URL: http://download.bildung.hessen.de/schule/gym_sek_ii/entwicklung/pool/BOEHME.DOC (Download am 05.06.2010)

Fahrenwald, Claudia (2005): Erzählen zwischen individueller Erfahrung und sozialer (Re-) Präsentation. In: Reinmann, Gabi (Hrsg.) (2005): Erfahrungswissen erzählbar machen. Narrative Ansätze für Wirtschaft und Schule. Lengerich: Pabst, S. 36-51.

Jacobson, Nora (2007): Social Epistemology. Theory of the “Fourth Wave” of Knowledge Transfer and Exchange Research. In:  Science Communication; Vol. 29, Nr. 1. Los Angeles u.a.: Sage Publications, S. 116-127.

Jahr, Silke (2004): Eine Frame-Struktur zur Beschreibung des Wissenstransferprozesses. In: Wichter, Sigurd; Stenschke, Oliver (Hrsg.): Theorie, Steuerung und Medien des Wissenstransfers. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang, S. 33-44.

Lyotard, Jean-Francois (1984): The Post Modern Condition. Theory and History of Literature. Vol. 10. Minneapolis: University of Minnesota Press.

Nonaka, Ikujiro; Takeuchi, Hirotaka (1997): Die Organisation des Wissens. Wie japanische Unternehmen eine brachliegende Ressource nutzbar machen. Frankfurt am Main/ New York: Campus Verlag.

Polanyi, Michael (1985): Implizites Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Probst, Gilbert J.B.; Raub, Stefan; Romhardt, Kai (1997): Wissen managen. Wie Unternehmen ihre wertvollste Ressource optimal nutzen. Wiesbaden: Gabler.

Schneider, Ursula (2007): Coping with the Concept of Knowledge. In: Management Learning 2007; 38. Los Angeles u.a.: Sage Publications, S. 613-633.

Schreyögg, Georg; Geiger, Daniel (2003): Kann die Wissensspirale Grundlage des Wissensmanagements sein? In: Bresser, Rudi; Krell, Gertraude; Schreyögg, Georg (Hrsg.): Diskussionsbeitrage des Instituts für Management, 20/03. Freie Universität Berlin. URL: http://www.ai.wu.ac.at/~kaiser/wmvo/kritik-wissensspirale.pdf (Download am 05.06.2010).

Stenschke, Oliver (2004): Die Akteure des diskursiven Wissenstransfers. . In: Wichter, Sigurd; Stenschke, Oliver (Hrsg.): Theorie, Steuerung und Medien des Wissenstransfers. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang, S. 45-56.

Wilkesmann, Maximiliane (2009): Wissenstransfer im Krankenhaus. Institutionelle und strukturelle Voraussetzungen. 1. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Willke, Helmut (2004): Einführung in das systemische Wissensmanagement. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.


[1] Für einen kurzen Überblick über die Entwicklung des Diskurses um den Wissensbegriff siehe Schneider (2007).

[2] Für eine kritische Auseinandersetzung siehe Schreyögg/ Geiger 2003.

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